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„Warum Digitalisierungsversuche im Einkauf scheitern“ - Maximilian Kramer, eldurado GmbH

Scheitern und auch der Umgang mit Scheitern muss in der deutschen Gesellschaft und in Unternehmen zwingend gelernt werden. Gerade im Unternehmen sollte eine solche Kultur besser gestern als heute implementiert werden, damit man das eigene Unternehmen nicht komplett gegen die Wand fährt.

Eine Triebfeder gegen das von Merkel ausgerufene Neuland ist, dass es uns viel zu gut geht. Wir wollen den Wohlstand oder unsere Position im Unternehmen wahren und gehen in Folge dessen weniger Risiko ein.

Die letzten Jahre hatte ich eine kleine Online-Marketing Agentur mit der ich vom kleinen Unternehmen bis hin zu großen Konzernen jeglichen Digitalisierungsgrad kennenlernen durfte. Da gab es Unternehmen, die von der Leadgewinnung bis zu den Retouren alles automatisiert haben und es gab Unternehmen, die ich bei den ersten Gehversuchen in der digitalen Welt begleiten durfte. In den vergangenen Jahren waren es bei mir überwiegend B2B Unternehmen, die immer stärker nachgefragt haben. Dabei ging es vor allem darum über eine Steigerung der Reichweite, mehr Umsatz zu generieren.

Im Online-Marketing stand ich einer Welt gegenüber, die sich ständig und schnell gedreht hat. Aus diesem Grund bin ich so sehr davon überzeugt, diesen Pioniergeist auch in anderen Branchen und Bereichen zu entfachen. Es macht einfach viel mehr Spaß zu arbeiten, wenn man die eigenen und fremden Grenzen täglich neu verschiebt.

Seit zwei Jahren arbeite ich mit meinen Mitgründern Merlin Thabe und Niklas Heins an Softwarelösungen für große Unternehmen, um Einkaufsabteilungen zu digitalisieren.

In diesem Feld treffen wir häufig auf Unternehmen und Menschen, die sich dem digitalen Wandel nur langsam nähern. Dabei ist der strukturelle Wandel und auch die mentale Transformation von jedem Einzelnen unausweichlich. Leider sehen einige Einkäufer häufig nicht die Priorität und verschenken auf einer großen Skala Potential.

Der Einkauf hat einen Einfluss auf alle Abteilungen im Unternehmen. Wenn ein Unternehmen im Einkauf Geld einspart, steigert das Unternehmen gleichermaßen seinen Gewinn.
Wenn ein Unternehmen hingegen mehr Umsatz generiert, steigen gleichzeitig die Kosten.
Selbstverständlich sollten Unternehmen auch über das Volumen bzw. den Umsatz wachsen, jedoch sollten die Strukturen und Prozesse so optimiert sein, dass ein Maximum an Gewinn im Unternehmen zurück bleibt.

Sowohl mit dem Startup als auch als auch mit der Online-Marketing Agentur hieß es für mich bei allen Vorhaben: "Bauen - Messen - Lernen".

Die Lean-Startup-Methode wurde von Eric Ries entwickelt und zum ersten Mal in seinem Blog “Startup Lessons Learned” erwähnt. In seinem Buch "The Lean Startup", welches die Grundlage der Methode bildet, werden diese Methode und ihre Vorteile sehr genau beschrieben. Durch die Lean-Methode wird es ermöglicht Anpassungen am Produkt vorzunehmen und schnell auf Veränderungen des Marktes zu reagieren.

Bei der Lean-Startup-Methode wird eine Geschäftsidee, ein Produkt oder eine Dienstleistung gestaltet und schnellstmöglich auf den Markt gebracht. Ziel ist es, aus dem Feedback der Kunden frühst möglich Rückschlüsse für die weitere Entwicklung und ggf. Umgestaltung des Produkts ziehen zu können, um so Kosten und Zeit zu sparen. Dies geschieht durch gezieltes, interaktives Testen von wichtigen Faktoren des Produkts, wie z. B. Preisgestaltung, Vertriebswege und Design Merkmalen. Dieser Vorgang wird ständig wiederholt, sodass sich ein Bauen-Messen-Lernen Kreislauf etabliert, der das Produkt nah am Kundenbedürfnis entwickelt.

Dieser Prozess begleitet uns ständig. Im Kern geht es darum, sich und seine Handlungen ständig zu hinterfragen. Es heißt, dass es erlaubt ist zu lernen. Es ist erlaubt auf dem Weg zur richtigen Lösung, Fehler zu machen. Der Weg zu einer richtigen Lösung führt immer auch über Fehler.

Wir haben in den letzten Jahren viele Fehler gemacht. Nur mit diesen Fehlern konnten wir mehr richtig als falsch machen. Alle Fehler werden dadurch ausgeglichen, dass wir mit der Lean-Methode mehr und schneller lernen als andere und dadurch Kunden besser mit Lösungen versorgen können und sich eldurado schneller entwickelt, als in einer Unternehmensstruktur, die in ihrer Entscheidungsfreiheit gelähmt ist.

Genau diese Ideologie wird von großen Unternehmen in der Regel strukturell nicht unterstützt. Mit jeder Meinung, mit jeder Entscheidung steht man im Generalverdacht ein "Querdenker" zu sein. Während Querdenker wie Elon Musk große Erfolge feiern, gibt es im eigenen Unternehmen so etwas wie einen Tunnel, in dem man nicht anecken sollte, um Karriere zu machen.

Um im Konzern erfolgreich zu sein, ist es dieser Tage wichtiger sich unterzuordnen als Entscheidungen zu treffen.

Der Mensch ist extrem langsam in der Anpassung. Durch Technologie ist der Mensch jedoch einer Umwelt ausgesetzt, die sich extrem schnell verändert. Das macht es für Menschen unglaublich schwer Technologien zu adaptieren, die ihnen helfen die Dinge zu tun, die sie ewig selbst gemacht haben.

Natürlich hat sich das Feuer, das Rad, das Internet und auch Social Media bereits durchgesetzt. Jedes dieser Ereignisse kann jeder im Nachhinein nachvollziehen. Ich bin mir sicher, dass alle mir beim Feuer und Rad zustimmen. Aber beim Internet wird die Ablehnung schon größer und bei Social Media bilden sich bei manch einem Gedanken Falten auf der Stirn. Es wird zur Lebensrealität werden, dass alle sich mit allen jederzeit austauschen. Auch im Unternehmen. In der eigenen Realität mag man Veränderungen eben doch nicht so richtig wahrhaben.

Während junge Unternehmen und Branchen wie das Online-Marketing sich ständig neu erfinden, fällt es größeren Unternehmen schwer, sich auf Änderungen einzustellen.

Das Wissen und auch die Ressourcen sind in fast allen größeren Unternehmen vorhanden. In den Forschungsabteilungen und in der IT sitzen extrem intelligente Leute und bei wichtigen Entscheidungen sitzen in der Vorstandsetage Personen (i. D. R. 50+) die sich fragen "Gehst du ins Risiko", um was völlig neues zu beginnen, weil du weißt, dass das Geschäftsmodell von heute mit dem man sehr erfolgreich ist, nicht mehr das Geschäftsmodell von morgen sein wird oder kannst du auch diese Entscheidung wieder halbwegs glaubwürdig abwenden?

Und irgendwie muss man auf der anderen Seite dann doch auch diese "Transformation" machen, von der alle reden. Das ist für jemanden in bester Position im hohen Alter, mit einem hohen Risiko verbunden.

Ich habe an der Stelle leicht reden. Ich muss keinen Tanker durch den Ozean manövrieren, sondern sitze mit meinem Startup eldurado in einem Speedboat. Wir müssen vergleichbar wenige Gehälter zahlen und können das Business Modell theoretisch jederzeit drehen.

Ein Daimler weiß, dass die Autos von heute nicht die von morgen sind. Aber sie stehen eben auch in der Pflicht, ein DAX-Unternehmen mit Quartalszahlen im Plus abzuliefern.

Das Problem wird dabei von teuren Unternehmensberatungen häufig noch verstärkt. Beratung dient in gewissem Maße dazu Entscheidungen zu delegieren. Die Beratungen hingegen sind dazu angehalten, Kunden mit ihren Powerpoint-Präsentationen und Vorschlägen möglichst lange abhängig zu machen. Das heißt auch ein Berater tut sich schwer, ein risikoreiches Vorhaben anzustoßen. Zurück bleibt eine gelähmte Entwicklungskultur im Unternehmen. Aber man hat etwas im Rahmen der Transformation angestoßen. Wie wenig Innovation man damit in das Unternehmen trägt, sollte jedem klar sein.

In Diskussionen wird häufig der Schrei nach Regulierung im Bereich der Digitalisierung laut. Für mich ist dieser Ansatz höchstens im Bildungswesen erfolgsversprechend und selbst da müssen derart viele Ressourcen aufgewendet werden, dass es für Verantwortliche unsexy ist, dem Thema ein Gesicht zu geben. Für mich sind allein die Unternehmer in der Verantwortung Innovationen zu liefern, indem sie etwas unternehmen.

Es ist unterm Strich egal, was die Bundesregierung im Hinblick auf Digitalisierung oder Industrie 4.0 macht und wie schnell die Internetleitung in ländlichen Bereichen Deutschlands ist, wenn die Verantwortlichen keine Verantwortung mehr tragen wollen.

Alle großen Unternehmen. Auch Daimler waren Start-ups und sind hohe Risiken eingegangen, um sich im Markt durchzusetzen. Warum sollte man also darauf vertrauen, dass es ewig auf hohem Niveau weiter läuft, wenn man aufhört Pionier zu sein? Ein Pionier bzw. eine Innovation kann dabei aus jeder Abteilung des Unternehmens hervorgehen.

Wir haben uns mit eldurado den Einkaufsabteilungen verschrieben, da die Einkaufsabteilungen Kontaktpunkte zu allen anderen Abteilungen im Unternehmen haben. Wir bieten Lösungen, die schnell und ohne Risiko in Unternehmen getragen werden können. Unsere größte Herausforderung ist es, die Unternehmen und Einkäufer zu ermutigen, Innovation in das Unternehmen zu tragen.

Digitalisierung bedeutet für mich, dass jegliche Mittler wegfallen und Wissen redundant wird, weil es für jeden zugänglich ist.

Das heißt für Unternehmen, dass sich Erlösmodelle extrem verändern werden. Ich kenne viele Unternehmen, die sich "sehr nah am Kunden" sehen oder "auf eine Marke bauen" und alle sind sie der Meinung, dass sie in ihrer Branche geschützt sind, weil ihre Branche anders und langsamer tickt als andere.

Ich würde gerne die Besitzer von Deichmann fragen, was sie von Zalando halten oder auch die Inhaber von Thalia und Co. wie plötzlich und überrascht sie von einem Amazon auf dem Markt waren.

Ich möchte nicht alles schlecht reden oder schreiben. Ich möchte jedoch festhalten, dass die Digitalisierung ungeheures Potential freisetzen kann, für Unternehmen, die sich früh dem digitalen Wandel stellen. Und auch häufig haben junge Unternehmen wie eldurado gerade dadurch die Chance überdurchschnittlich erfolgreich zu sein. Häufig sind die Treiber dieser Ideologie jünger als 50 Jahre und müssen sich im Unternehmen gegen die "Silberrücken" stemmen und machen sich auf unternehmenspolitischer Ebene unbeliebt.

Prof. Dr. Klemens Skibicki (Kernmitglied des Beirates „junge digitale Wirtschaft“) trifft für mich den Nagel mit folgen Worten auf den Kopf: "Wer im Neuland eine Zukunft haben will, kann nicht warten bis das Altland sich bequemt, das zu genehmigen."

In diesem Beitrag habe ich kein Wort von künstlicher Intelligenz verloren, da ich zum jetzigen Zeitpunkt kein Unternehmen kenne, was über reine Algorithmen hinaus Dienstleistungen anbietet. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass Themen wie künstliche Intelligenz oder auch die Blockchain einen ähnlichen Einfluss auf unser Leben haben werden, wie die Erfindung des Feuers oder das Rad.

Change is the new normal!

Zusammenfassung

Die Arbeitsweisen etablierter Unternehmen und Startups sind extrem unterschiedlich. Während im Startup jeder Fehler zur Verbesserung von Produkt, Prozess oder Dienstleistung beiträgt, kann ein Fehler im Konzern die nächste Stufe auf der Karriereleiter schwerer erreichbar machen.
Durch diesen Kulturunterschied machen sich große Unternehmen angreifbar, da echte Innovationen ausbleiben. Eine Triebfeder gegen das von Merkel ausgerufene Neuland ist, dass es uns viel zu gut geht. Wir wollen den Wohlstand oder unsere Position im Unternehmen wahren und gehen in Folge dessen weniger Risiko ein.

Maximilian Kramer
eldurado GmbH
max.kramer@eldurado.de